Wie wir Musik hören, wahrnehmen, erleben – das hängt nicht nur von uns selbst und den Musiker:innen ab, sondern auch von den Räumen, in denen sie erklingt. Manche Räume lassen Musik auf unmittelbare Weise nah erscheinen, machen den Raum und die Menschen in ihm präsent und bewusst. Andere scheinen mit ihrer Akustik Raum und Zeit aufzuheben, tragen uns fort, in ferne Welten.
Beim Wandelkonzert Klang-Raum: Ist da wer? begaben sich Musiker:innen und Publikum gemeinsam auf eine Expedition durch solche Klangräume: durch Flure, Treppenhäuser, Abzweigungen und geheime Winkel der Halle 1 im Tabakquartier – Orte, die sonst verschlossen bleiben. In einer von der Musiktheaterregisseurin Vivien Hohnholz gestalteten Dramaturgie und in stimmungsvoll von Christian Kemmetmüller (Theater Bremen) ausgeleuchteten Räumen wurde klassische Musik auf neue Weise erfahrbar.
Zunächst folgte das Publikum dem Ruf des Horns: Messiaens Appel interstellaire. Wandernd, lauschend, suchend begaben sich Musiker und Hörende auf eine klangliche Entdeckungsreise durch das Gebäude der Halle 1 im Tabakquartier – durch Flure und Nischen, in Übezimmer, Notenarchiv, Instrumentenlager und Heizungskeller: verborgene Räume, abseits der großen Bühne.
Der Klang öffnet dabei Türen, hinter denen sich bisher unerhörte Resonanzräume verbergen. In wechselnden Besetzungen – von Solo bis Quintett – erklingen hier Werke von Britten, Kodály, Bach und Glazunov, die immer wieder eine Frage in den Raum stellen:
„Ist da wer?“
Wer sich diese Frage stellt, sucht nach Verbindung – zwischen Musiker:innen und Zuhörenden, zwischen Einsamkeit und Resonanz, zwischen Räumen und dem Klang, der sie verbindet. In der Frage nach der Anwesenheit des Anderen schwingt die Hoffnung mit, nicht allein zu sein – eine Sehnsucht, zu hören und gehört zu werden. Vielleicht berührt sie damit sogar den Kern dessen, was Musik ausmacht.
Der Raum zwischen den Menschen, ein Zwischenraum. Und darüber hinaus? Musik öffnet nicht nur den Raum zwischen Menschen sondern tansportiert uns auch in völlig neue, unbekannte Welten. Messiaens Appel interstellaire richtet sich fragend an die unendlichen Weiten des Alls: Ist da noch jemand – außer uns? Als „expandierendes Universum“ beschrieb der Pianist Glenn Gould auch Bachs Kunst der Fuge, und der Dirigent und Bach-Spezialist Helmuth Rilling schrieb über das Werk: „Es ist fast, als würde die Musik selbst eine Brücke ins Jenseits schlagen.“
Zurück im Diesseits landeten Musiker:innen und Publikum mit Glazunovs Versöhnlichem Idyll schließlich im vertrauten Saal der Halle 1. Doch hier ist das gewohnte Raumverhältnis auf den Kopf gestellt: Das Publikum darf es sich auf der Bühne – auf Hockern, Kissen und Decken – gemütlich machen, während die Musiker:innen von der Besuchertribüne aus spielen. Das Wandelkonzert verwandelt schließlich also auch den Raum des Konzertsaals. Denn wer dem Klang folgt, kann Räume völlig neu erleben.
Text & Fotos: Frenz Jordt
BESETZUNG
Anette Behr-König — Violine
Lenamaria Kühner — Violine & Konzept
Hayaka Sarah Komatsu — Viola
Inga Raab — Violoncello
Matthias Berkel — Horn
Vivien Hohnholz — Regie
Christian Kemmetmüller — Szenographie & Licht